Corona: Eine Krise der Frauen?

Die beiden Fachausschüsse Forum E (Ein-Eltern-Familien) und Arbeit des Frauennetzwerks StädteRegion Aachen nehmen Stellung zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Frauen. In den letzten Wochen wird vielfach von Corona als Krise der Frauen berichtet. Diese scheinbare Krise lässt sich anhand von drei Punkten beschreiben.

Erstens: In systemrelevanten Berufen arbeiten mehrheitlich Frauen – unterdurchschnittlich bezahlt und unter schlechten Arbeitsbedingungen. Entlohnung und berufliches Prestige stehen im Widerspruch zum tatsächlichen Wert der Tätigkeit für das gesellschaftliche Zusammenleben. Statt für Entlastung zu sorgen, wurde, mit Bezug auf die Corona-Pandemie, das Arbeitszeitgesetz durch Verordnung gelockert, so dass Beschäftigte in diesen Berufen jetzt bis zu 12-Stunden am Tag arbeiten müssen.

Zweitens machten sich Frauen und Eltern in den vergangenen Wochen mehr Sorgen über ihre finanzielle Situation als Männer und Kinderlose. „Eine mögliche Ursache dafür könnte sein, dass das Kurzarbeitergeld von Frauen seltener aufgestockt wird als das von Männern, was“, so erklärt Ann-Katrin Steibert, zuständig für Frauen- und Gleichstellungspolitik in der DGB-Region NRW Süd-West, „unter anderem daran liegen kann, dass Frauen seltener in tarifgebundenen Unternehmen arbeiten“. Da ihr Anteil in besonders stark betroffenen Branchen, wie etwa dem Gastgewerbe, hoch ist, spüren Frauen die finanziellen Auswirkungen der Corona-Schutzmaßnahmen in Teilen längerfristig.

Die Corona-Pandemie hat das Potential, die Geschlechterungleichheit auf dem Arbeitsmarkt zu verstärken. „Viele Frauen sind dementsprechend in keiner günstigen Situation. Wenn diese Frauen dann noch Mütter oder alleinerziehend sind, sieht die Situation sehr düster aus“, fügt Sabine Bausch, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Aachen an.

Ulrike Oevers von Netzanschluss beschreibt einen „erschreckend realistischen“ Fall aus ihrer Beratungspraxis:

„Meine Tage sahen nun so aus: 5:00 h aufstehen, 7:00 h zur Ausbildungsstelle, 15:00 h nach Hause, einkaufen, kochen etc. und das allerschlimmste: HOMESCHOOLING mit zwei absolut lernfaulen Teenies, die ab sofort meinten, sie hätten Coronaurlaub. Ich fragte, ob ich im Home Office arbeiten kann. Keine Chance, mir wurde gesagt, dass dann anderen auch Home Office zugestanden werden müsste. An einem Morgen ging gar nichts mehr. Ich konnte mich kaum bewegen, mir war heiß und kalt und kotzübel zugleich. Der Arzt stellte fest, was ich eigentlich lange wusste, aber verdrängte: Mein Körper hat die Notbremse gezogen! Wenn ich nicht als Patientin in der Klinik landen wollte, musste ich auf der Stelle etwas ändern.“

Die Lösung für die alleinerziehende Mutter hieß: Ausbildungsabbruch.

Birgitt Seifarth, Geschäftsführerin Verband allein erziehender Mütter und Väter in Aachen spricht von einem Anstieg der Beratungsleistungen seit den Schul- und Kitaschließungen. Gerade zu Beginn spielten Fragen zur finanziellen Existenz eine immense Rolle für getrennt lebende Eltern. Wo kann welche Leistung, wie beantragt werden, welche Auswirkungen ha-ben Kurzarbeit / Arbeitslosigkeit auf den Unterhalt und was ist etwa mit Spezialfällen, wie alleinerziehende Studentinnen? Hinzu kommen viele psychosozialen Fragen, wie Isolation und Überlastung durch HomeOffice und HomeSchooling bei Alleinerziehenden. Schwierig wird es bei Umgangsvereinbarungen. Etwa wenn eine konflikthafte Situation zwischen den Eltern vorliegt und moderierte Gespräche in der Beratungsstelle nicht stattfinden können.

Drittens werden dementsprechend die Belastungsgrenzen von Müttern seit Wochen überschritten und ein Ende ist nicht in Sicht. Trotz Lockerungen wird die Situation nicht einfacher. Kaum Entlastung darf man erwarten, wenn Kinder einmal die Woche für drei Stunden in die Schule dürfen. Kleinkind-Eltern werden vor neuen Eingewöhnungsphasen stehen. Nach wie vor ist festzuhalten, dass Mütter die Hauptlast von Kinderbetreuung und Haushalt – auch während der Pandemie – übernehmen. Das HomeOffice mit gleichzeitigem HomeSchooling nicht zusammenpasst, hat sich mittlerweile herausgestellt. Insofern ist verständlich, dass seit Beginn der Corona-Pandemie 24% der Frauen ihre Arbeits-zeit reduzieren mussten. Von den Elternpaaren, die sich die Betreuungszeit vor den Schul- und Kitaschließungen gleichberechtigt aufteilten, tun dies nur noch 62%. Dies geht aus einer Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung hervor. Folgerichtig ist demnach, dass die Arbeitsunzufriedenheit von Müttern zugenommen hat (Studie corona-alltag.de). „Die Gefahr besteht, dass Rollenmuster, die sich jetzt einspielen, auch nach der Krise beibehalten werden – zum Nachteil für Frauen. Die Bundesregierung macht es sich zu einfach, wenn sie Aufgaben, die normalerweise von ausgebildeten Personal erledigt werden, mehr oder weniger kompensationslos ins Private verschiebt. Es ist möglich, dass es zu diesen Entwicklungen kam, da in unserer Gesellschaft Entscheidungen immer noch in der Mehrheit von Menschen ohne oder mit geringer Sorgeverantwortung getroffen werden“, gibt Kay Hohmann, Geschäftsleitung der Picco Bella gGmbH zu bedenken. „Besondere Herausforderungen stellen sich auch für Mütter, die aktuell den Wiedereinstieg in den Beruf planen oder wegen Arbeitslosigkeit eine neue Stelle suchen. Ohne verlässliche Kinderbetreuung können Sie den Anforderungen eines potentiellen Arbeitgebers häufig nicht gerecht werden. HomeOffice wird selten direkt bei Neueinstellung angeboten“, so Andrea Hilger, Beauftragte für Chancengleichheit bei der Arbeitsagentur Aachen-Düren. „Eine gute Chance für betroffene Frauen kann eine zielgerichtete, digitale Weiterbildung sein, die das Berufsprofil erweitert“.

Insofern fordern die beiden Fachausschüsse des Frauennetzwerks,

  • dass bei den weiteren Planungen die Lebensrealitäten von Menschen mit Sorgepflichten und Doppelbelastung stärker miteinbezogen werden. Denn ohne zuverlässige Kinderbetreuung kann es keine zuverlässige Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Erwerbsmöglichkeit für Mütter geben.
  • dass Politik im Bereich Schule und Kita transparente Verfahren mit zeitlichen Orientierungspunkten erstellt.
  • eine Öffnung der Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für alle Kinder und Jugendlichen für mehrere Tage in der Woche unter Berücksichtigung entsprechender Schutzstandards. Die personellen und materiellen Mehrausgaben, die für die Umsetzung dieser Standards (z.B. Pausenaufsicht) von Nöten sind, müssen refinanziert werden.
  • wenn eine Betreuung nicht oder nicht in vollem Umfang möglich ist, muss eine Entschädigung für die gesamte Zeitspanne und in angemessener Höhe stattfinden.
  • ein Recht auf Freistellung, damit Konflikte mit dem Arbeitgeber vermieden werden.
  • die Klarstellung, dass Urlaub der Erholung dient und nicht für Homeschooling aufgewendet werden soll.
  • dass sämtliche Regelungen zum Schutz von Beschäftigten und Eltern auch für Grenzgängerinnen gelten.

Wichtig ist es, Frauen nicht weiter als Opfer der Corona-Krise zu viktimisieren. Insbesondere Alleinerziehende haben in den letzten Wochen bewiesen, dass gerade in Krisenzeiten eine Gesellschaft auf Frauen / Mütter angewiesen ist. Sie gehen ihrer Erwerbsarbeit, häufig im systemrelevanten Beruf, nach und managen gleichzeitig noch die Familie. „Frauen sind mehr wert, als als Opfer oder Verliererinnen der Krise bezeichnet zu werden. Das beweisen sie jeden Tag. Es reicht aber nicht, dies applaudierend anzuerkennen. Wir müssen Corona als Chance für Gleichstellung anstatt als Krise begreifen, als Chance jetzt Strukturen mit Blick auf eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt und eine Umverteilung von unbezahlter Sorgearbeit und Erwerbsarbeit zu realisieren,“ mit diesen Worten erläutert Ursula Rohrer, Betriebsseelsorge Aachen Stadt und Land die wichtigste Forderung der Fachausschüsse.